Freiheit und Liebe

Freiheit in der Liebe macht uns Angst. Sich wechselseitig freilassen und doch auf die Bindung vertrauen? Dazu fühlen wir uns zu unsicher. Wir unterstellen lieber, Bindung sei wechselseitiger Besitz. In kurzer Zeit ersticken wir so die Liebe. Dass Freiheit nicht Unverbindlichkeit heißt, kommt vielen nicht in den Sinn. Dass sie die Bindung vertieft, klingt unglaubwürdig… 

Und doch wissen wir alle, dass sich Gefühle nicht erzwingen lassen. Aber was ist denn diese Kunst der freien Bindung? Wie lassen sich Freiheit und Bindung vereinen, so, dass die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und der Wunsch nach Zugehörigkeit erfüllt werden,

 

Die gute Beziehung ist nicht, sie kann werden 

So könnte man anfangen:

1. Ich möchte in unserer Beziehung lernen, von der wechselseitigen Unkenntnis auszugehen und dich nicht mehr mit meinen Vorstellungen davon, wie Du bist oder wie ich Dich haben will zu besetzen.

2. Ich möchte in unserer Beziehung lernen, unser gemeinsames unbewusstes Zusammenspiel ernst zu nehmen und damit zu erkennen, dass ich verantwortlich, aber nicht unabhängig bin.

3. Ich möchte in unserer Beziehung lernen, wirkliche Gespräche mit Dir zu führen und dafür einen äußeren Rahmen zu finden; nur so kann ich lernen, mich und dich ernst zu nehmen; du kannst mir nicht wesentlich sein, wenn ich mir nicht wesentlich bin.

4. Ich möchte in unserer Beziehung lernen, mich in konkreten Erlebnissen und nicht in Begriffen zu erläutern, weil Bilder und Geschichten erst wirklich tiefgehend und umfassend wiedergeben können, wer ich bin – und wer du bist.

5. Ich möchte in unserer Beziehung lernen, zu erkennen, dass ich mir auch die Gefühle mache, von denen ich gern annehme, dass du sie mir machst – zum Beispiel Kränkung und Schuldgefühle –, oder von denen ich glaube, dass sie mich einfach überkommen – wie etwa Angst und Depression.

 

Gemeinsam sind diesen «Lernzielen» zwei Einsichten

  • Erstens: dass ich meine Beziehung insgesamt sehr aktiv gestalte, auch dort, wo ich denke, es passiert eben so. Vor allem: Auch meine Liebesempfindungen mache ich zu einem großen Teil selbst. Das gilt für alle, auch wenn sie es noch nicht aus eigener Erfahrung wissen. 
  • Zweitens geht es darum, dass wir uns in Partnerschaften viel mehr austauschen und abstimmen müssen, als wir es ahnen.

Keiner bezweifelt das altfranzösische Sprichwort «L’amour est l’enfant de la liberté» – die Liebe ist das Kind der Freiheit. Es ist eine tiefe Wahrheit. Sie ist schön. Und sie ist entsetzlich. Denn wir richten die Liebe zugrunde, indem wir in unseren Beziehungen Bindung mit Besitz des anderen verwechseln. Wir verwandeln sehr schnell das zu jeder Liebe gehörende Gefühl, mit dem geliebten Menschen zusammen sein und ihn in dieser Gefühlsform «besitzen» zu wollen, in den ausgesprochenen, ja oft tätlichen Anspruch: «Du gehörst mir.» 

Vermutlich ist es der Wunsch nach Sicherheit, das heißt, es ist unsere Unsicherheit, die auf diese Weise die Freiheit in der Partnerschaft in Unfreiheit verwandelt und die Liebe ganz gezielt in tausend kleinen Alltagshandlungen zum Schwinden bringt. Wollen wir die Liebe freilassen, geht es also darum, uns wechselseitig zu befreien – genauer gesagt: die äußere und innere Unfreiheit zu mindern, die wir unter dem gesellschaftlichen Zwang, uns selbst unter Kontrolle zu halten, täglich nachproduzieren. Diese Befreiung beginnt – und endet – mit dem Entschluss, uns so zu akzeptieren, wie wir sind.

 

Wie sieht die Beziehung aus, nach der wir uns so sehr sehnen?

Es ist ein Zusammensein ohne Abhängigkeit, aber in tiefer Verbundenheit. Wenn zwei Menschen miteinander wirklich im Herzen verbunden sind, stellen sich Fragen wie persönlicher Freiraum, Eifersucht, etc. nicht mehr. Jeder lebt, was ihn erfüllt und wie es ihn erfüllt und gleichzeitig geschieht Gemeinsamkeit, wie von selbst. Diese Gemeinsamkeit braucht keinen Plan, keine Regeln und keine Absprachen.

Wirkliche Freiheit ist dann vorhanden, wenn man sich über sie keine Gedanken mehr macht. Sie ist einfach nur da, so wie auch Liebe einfach nur da ist, wenn wir nichts mehr tun, um sie zu bekommen. So gesehen haben Liebe und Freiheit viel miteinander zu tun.